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Darmstädter Echo, 16.11.2011

„Das bringt einem etwas fürs Leben“

Bildung: Abendgymnasium ist Herausforderung und Chance für jene, die nicht den direkten Weg eingeschlagen haben

Die schriftlichen Abiturprüfungen sind vorüber, nun folgen noch die Präsentationsprüfung und der mündliche Teil. Doch Nicole Sudheimer weiß schon jetzt, dass sie das Abendgymnasium mit einem lachenden und einem weinenden Auge verlassen wird. „Lachend, weil ich es geschafft habe, und weinend, weil ich mit vielen netten Menschen zusammen war und viel über mich gelernt habe, was mich sehr bewegt hat.“

Die Fünfunddreißigjährige gehört mit 28 anderen Erwachsenen zum 100. Lehrgang seit Gründung des Abendgymnasiums, die dort ihr Abitur machen. Die verspätete Reifeprüfung ist Lohn für eine drei- bis dreieinhalbjährige Lern- und bisweilen auch Leidenszeit. Lernen, wenn andere Feierabend haben, ist nicht jedermanns Sache. Doch wer diesen Weg geht, hat ihn bewusst gewählt – und weiß, worauf er sich einlässt.

Nicole Sudheimer hatte Realschulabschluss, es folgte eine Lehre als Kauffrau für Bürokommunikation. Dann kam das erste Kind. Ihr sei schnell klar geworden, dass es zumindest bei ihr nicht funktioniert, sich im Alter von 15 oder 16 Jahren „für den Rest des Lebens“ festzulegen. Sie habe nicht nur einen Beruf gewollt, sondern auch eine Berufung. Nach der Geburt des zweiten Kindes und, wie sie sagt, „anregenden Gesprächen“ mit der Hebamme kommt der Gedanke auf, diesen Beruf ergreifen zu wollen; dazu bedarf es einer Ausbildung an der Universität. Als sie vor dreieinhalb Jahren den halbjährigen Vorkurs im Abendgymnasium besucht, ist das dritte Kind zwei Jahre alt. Parallel zur Abendschule arbeitet Sudheimer halbtags in einer Praxis für Physiotherapie.

Die Frage sei erlaubt: Wie bekommt man das alles unter einen Hut? Ihr Mann arbeitet Schicht, ihre Mutter hilft – und die eigene Motivation ist groß, auch für das beabsichtigte Studium. „Natürlich ist Druck da“, sagt Sudheimer, „aber auch eine ganz andere Lernbereitschaft“. Es müsse alles von einem selbst kommen, „dann bekommt man auch viel zurück“. Das habe an der Tagesschule gefehlt. Dort habe sie es mit „vorgekautem Stoff“ zu tun gehabt, am Abendgymnasium habe sie gelernt, „dahinter zu gucken. Und das bringt einem etwas fürs Leben.“

Dennis Giese hat eine komplett andere Biografie. Der Dreiundzwanzigjährige wollte auf herkömmlichem Weg Abitur machen, bremste sich aber selbst aus: Er schluderte, was ihn die Zulassung zum Abi kostete. Das wollte Giese nicht auf sich sitzen lassen. Nach 18 Monaten Bundeswehr begann er parallel eine Ausbildung zum Fachinformatiker bei der Telekom und das Abendgymnasium. Heute weiß er: „Ich hatte damals einfach noch nicht die Disziplin.“ Das Nebeneinander zwischen Ausbildung und Schule findet demnächst sein Finale: Einen Tag nach der Präsentationsprüfung am Abendgymnasium folgt die Abschlussprüfung an der Industrie- und Handelskammer. Und dann? „Ich bleibe bei der Telekom und werde ein Dualstudium beginnen. Dann bildet man sich weiter und verdient Geld.“

Damit hat es Gülden Yeltekin schon mal kurz versucht. Die Einundzwanzigjährige hatte nach Realschulabschluss und Höherer Handelsschule eine Ausbildung (...) begonnen. Nach vier Monaten war Schluss. „Ich wollte mehr.“ Nach dem Fachabitur habe sie „einen Hänger“ gehabt, sich von der „Null-Bock“-Mentalität vieler Mitschüler aber nicht anstecken lassen und sich zusammengerissen. Das habe sich gelohnt, weiß sie heute. Dem Abitur soll ein Studium folgen, „es muss mit Naturwissenschaften zu tun haben, vielleicht Materialwissenschaften“.

In ein ganz anderes Metier zieht es Sebastian Stratmann. Er habe „eine Leidenschaft für Jura“ entwickelt, vielleicht auch, weil der Großvater Jurist war. Die Berufswelt hat Stratmann bisher – nach dem Besuch der Abendrealschule – in Ingenieur- und Architekturbüros kennengelernt. Das Abendgymnasium hat er auf dem schnellstmöglichen Weg bewältigt, ohne den halbjährigen Vorkurs. Stratmann sagt, ihn habe am Abendgymnasium imponiert, wie engagiert Schüler und Lehrer bei der Sache seien. In seiner früheren Schulzeit habe er viel Resignation erlebt.

Auch Nicole Sudheimer ist angetan von der Lernbereitschaft aller, die sie auf dem zweiten Bildungsweg begleitet haben. Natürlich habe es Durchhänger gegeben, etwa wenn eines der Kinder krank war oder sie eine Veranstaltung in deren Schule versäumte. „Aber irgendwann sind sie groß, und dann bin ich wieder da.“

Die Fünfunddreißigjährige und ihre Mitschüler haben nicht nur Deutsch, Mathematik, Englisch und all die anderen Fächer gelernt, sondern vor allem, „dass es ein größeres Gut als Bildung nicht gibt“.

+++ Aktuell +++

Abitur des
100. Lehrgangs am Abendgymnasium

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Presseerklärung des Fördervereins zu den Kürzungen im Zweiten Bildungsweg

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LiViKu2012: "Jeder Mensch ist ein
Abgrund ..."

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Studienfahrt des Fördervereins nach Frankreich

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